Iglu-Studie zeigt gravierende Missstände in den Grundschulen auf

 

Der Spiegel Online berichtet heute am 5. Dezember 2017 von zwei sich verändernden Entwicklungen. Es gibt zum einen mehr Viertklässler, die sehr gut lesen, aber auch mehr von den ungefähr 10-Jährigen, die damit große Schwierigkeiten haben. Während der positive Anstieg von guten Lesern nicht viel Aussagekraft oder Konsequenzen hat, könnte allenfalls die festgestellte Negativentwicklung in Sachen Leseschwäche interessant zu beobachten sein. Auch wenn es schön ist, dass sich manche Schüler im Lesen verbessert haben.

 

Warum ist das so? Und vor allem: War das schon immer so?

 

Die meisten Schüler lernen das Lesen in der Schule. Also das grunsätzliche Lesen. Manche Wörter oder zumindest Buchstaben sind bereits seit der ambitionierten Kita bekannt. Aber wenn es um das flüssige Vortragen von ganzen und gleich mehreren Sätzen geht, muss schon eine fundierte Übung her.

Gibt es überhaupt noch Schüler, die vor der Schule lesen können? Zu meiner Zeit, Mitte der 70er Jahre, war das Niveau wohl ähnlich wie das beschriebene in der Iglu-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung). Ein paar wenige konnten gut lesen. Ja, auch ich war darunter. Leider habe ich keine Erinnerung an Lese-Lern-Momente, die es ganz sicher gegeben hat – ich bin ja so nicht auf die Welt gekommen … Die meisten aber streichelten jeden einzelnen Buchstaben, die sich zu Wörtern und dann zu Sätzen bildeten mit dem Zeigefinger. Wie damals, so auch heute.

 

Wer trägt Schuld an der Leseschwäche?

Ich denke schon, dass es bedenklich ist, wenn Kinder auch noch in der zweiten Klasse größere Schwierigkeiten beim Lesen haben. Wenn das aber in der Intensität noch bei Viertklässlern bei jedem fünften Kind der Fall ist, geht damit ein neuer Trend in die zweifellos falsche Richtung.

 

Beinahe 70 % der Schülerinnen und Schüler in Deutschland lesen 1-2 mal die Woche. Das heißt 30 % tun das nicht und ziemlich genau 17 % lesen gar nicht.

 

Aber erstens sind damit scheinbar alle Schüler in Deutschland gemeint, also beispielsweise auch 12- bis 16-Jährige, und zweitens können sie es vielleicht. Nur tun sie es nicht. Das ist nicht so ganz klar oder war hier nicht Gegenstand der Untersuchung.

Bleibt die Frage, die sich hier einzig und allein stellt:

Das Unterrichtsvolumen und der Betreuungsumfang sind in der Grundschule leider schon von größerem Umfang. Daher obliegt es doch allein der Schule und dem zufrunde liegenden System, den Kindern wenigstens bis zur vierten Klasse(!) das einigermaßen ununterbrochene Lesen beizubringen.

 

Warum also versagt die Schule? Und von einem Versagen muss man wohl sprechen, wenn es bis ins vierte Schuljahr nicht gelingt, 20 % der immerhin schon 10-Jährigen zu einem besseren Lesen zu verhelfen.

 

Mir geht es überhaupt nicht um das Ranking im internationalen Vergleich. Aber das Ergebnis, nämlich dass sich Deutschland nicht mehr im oberen Drittel  befindet, sagt dennoch etwas aus. Trotz mehr Gesamtschulen, sei “nicht genug passiert”, wird der Studienautor Wilfried Bos zitiert.

 

Das Elternhaus ist mit auschlaggebend für die Leistung der Schüler

Letztgenannter Punkt ist zwar ohne weitere Analyse richtig und kann nicht beanstandet werden. Aber was und vor allem mit welcher Methode unterrichten die Lehrer länger als drei Jahre lang in den Fächern “Deutsch” oder “Lesen”, so dass ein derart schlechtes Ergebnis heraus kommt?

Den Lehrern, das sei an dieser Stelle extra erwähnt, ist zumindest kein großer Vorwurf zu machen. Sie sind bestensfalls ebenfalls Opfer eines Lehrplansystems, welches nicht richtig fruchten will. Ob man dies bereits vorher hätte wissen können, steht auf einem anderen Blatt.

 

Lediglich die Reichen-Methode, wonach Schüler die korrekte Rechtschreibung vernachlässigen dürfen, indem man sie nach den Modellen “Lesen durch Schreiben” und “Schreiben nach Gehör” arbeiten lässt, gehört in die Mottenkiste.

 

Was hat man sich dabei gedacht? Nun, das ist eine andere Diskussion, die natürlich thematisch mit der Leseschwäche der Schüler verbunden ist. Denn wie will man gut lesen können, wenn man oft gesprochene und ebenso oft falsch geschrieben Wörter plötzlich in anderer Schreibweise vorfindet? Allein die mühselige Umstellung – und natürlich ist das eine Umstellung, wenn man Wörter zweimal lernen muss – sorgt für nachhaltige Irritationen. Zudem wird bei den unsäglichen Anlauttabellen, die heute noch fast jeder Grundschulfibel beiliegen, völlig verkannt, dass es keinen klaren Bezug zwischen Lauten und Buchstaben gibt.

 

Den Lehrern ist die Rechtschreibung ihrer Schüler egal

Jedenfalls, wenn die Schulen die Kinder schon rein zeitlich so umfassend vereinnahmen, dann sollte ein besseres Ergebnis erreicht werden.

 

Mit 10 Jahren nicht richtig lesen können, ist sowohl für den eher “unschuldigen” Schüler und vor allem für das Schulsystem selbst mit fragwürdiger Prioritätensetzung ein Armutszeugnis.

 

Wenn einem das Lesen schwer fällt, wird’s mit dem Lernen aller anderen Fächer nicht wirklich leichter…

Da kommt die erwähnte Anlauttabelle am Ende wie eine Pointe daher. Wie über unseren Älteren in der Schule bereits erfahren (siehe Spiegel Online Artikel), spielt die korrekte Rechtschreibung in den ersten Schuljahren nur eine untergeordenete Rolle.

So gesehen hätte ich am Gymnasium später auch so meine Probleme bekommen, wenn ich bis zur dritten Klasse:

  1. “Ich ese gärn Kesekuchn mit Schteinopst” oder
  2. “gehn ässe Ich Kässekuchen mit Steinobbsd” oder
  3. “Ich ässä gähn keesekuuchn mid schteinopsd”

hätte schreiben dürfen.

Und das hat nicht mal mit Groß- oder Kleinschreibung (“Der gefangene Floh” beziehungsweise “Der Gefangene floh”) zu tun.

Wer auf die Idee gekommen ist, war wahrscheinlich jahrelanges Mitglied der sehr anonymen Analphabeten. Prost!

 

Aber wie seht ihr das? Schreibt mir eure Meinung!