Reinhard Mey zu Besuch in Saarbrücken (Saarlandhalle, 28.09.2017)

 

Reinhard Mey scheint sich in Saarbrücken wohlzufühlen. Gleich zu Beginn erzählt er, dass in der “Ahnengalerie” der Saarlandhalle ein Bild von ihm hängt. Es datiert von 1972. Nun, zu dem Zeitpunkt war ich gerade mal zwei Jahre alt. Reinhard Mey ist nach Saarbrücken gekommen. Und meine Frau und ich haben Tickets.

 

Bei uns zu Hause lagen eigentlich immer Reinhard Mey Platten rum. Meistens auf dem Plattenspieler.

 

Und wer weiß, vielleicht war dies gestern sein letztes Konzert in Saarbrücken? Dann hätte sich der Kreis irgendwie geschlossen, nämlich dass ich so lange (unverständlicherweise) gewartet habe, bis ich ihn endlich – kurz vor seinem 75. Geburtstag – mal zu sehen, und viel wichtiger, zu hören bekomme. Ich nehme es mal vorweg, es war eines meiner absoluten Konzerthighlights! Und darunter befinden sich u. a. Joe Cocker, Rod Stewart, Santana, Sting, Dire Straits, Simply Red, Die Toten Hosen und – Yehudi Menuhin. Und zuletzt auch Konstantin Wecker (siehe -> Konzert in Saarbrücker Congresshalle). Das nur am Rande.

-> My Music.

Wir, die Eltern, mussten den ganzen Tag organisieren, damit die Kleine schläft bevor die “Goti” (die herzensgute, selbsternannte Patentante) kommt, um auf sie und den Älteren aufzupassen. Alles hat hervorragend geklappt, die beiden Autos erfolgreich im absoluten Parkverbot untergebracht, die zwei Tickets, die mal zu viel geordert wurden, noch schnell vor der Halle an den Mann gebracht, und …

 

Reinhard Mey betritt pünktlich um 20 Uhr die Bühne

Mich überläuft’s tatsächlich das erste Mal. Auch weil das Publikum bereits vor dem ersten Akkord tobt. Da steht er also. Ganz in schwarz, vor schwarzem Vorhang. Keine Angst, die Gitarrenfront ist aus hellem Holz, die Scheinwerfer tun ihr Übriges: Man sieht ihn sehr gut. Auch von Reihe 15 aus.

Ich kann es irgendwie kaum fassen, ich sehe ihn nun tatsächlich vor mir. Und ich bin wirklich ergriffen. Das ist aber nicht weiter überraschend – ich kenne Reinhard Mey und seine Musik seit knapp 40 Jahren. Und die ganze Zeit mochte ich ihn. Ihn und seine Musik.

Die Tonqualität aus den drei über der Bühne hoch gehängten Stapeln mit vielen Einzelboxen ist schon mal ausgezeichnet. Es kann losgehen. Wie bei jeder Tournee wird auch diesmal die neue Platte/CD vorgestellt.

 

Reinhard Meys neues Album heißt “Mr. Lee” und daraus singt er weit mehr als die Hälfte der Lieder.

 

In irgendeiner Zeitungsrezension traute sich der Redakteur (und vielleicht zum Konzert gezwungene Besucher) Reinhard Meys Stimme als “limitiert” zu umschreiben, die die ganz hohen Töne nicht mehr ganz erreicht, so dass man sich lieber an die früheren Zeiten erinnern möge. Das ist nicht nur starker Tobak sondern auch totaler Humbug. Die Stimme unseres Vorzeigebarden ist so prägnant, so auf den Punkt, so klar und deutlich, so direkt, so unter die Haut gehend, so warm und so “erfahren” und professionell – bei aller Natürlichkeit und Individualität, dass … lassen wir das.

Einen Reinhard Mey muss man nicht mehr vorstellen.

Es war gestern zwar mein erstes Konzert bei und mit ihm. Aber alle, die dieses Vergnügen bereits zum wiederholten Mal genießen durften, kommen – auch kurz vorm betagten Jubiläum – gerade und überaus gern zu genau dieser Stimme. Dieser 74 Jahre alten Stimme.

 

Reinhard Mey Konzerte lohnen sich seit über 40 Jahren

Einer meiner ersten Gedanken war, dass ich ihn vielleicht schon in den 70er Jahren hätte hören sollen. Aber das Konzert im September 2017 hätte ich auch nicht missen wollen.

Ich fand eigentlich alles super. Nicht jedes Lied und jede Platte muss ich mir jetzt kaufen. Aber es war schon beinahe egal, was er als totaler Solokünstler besingt. Dafür ist er zu echt und zu authentisch. Man freut sich sogar auf die Kommentare und Erzählungen zwischen den Liedern. Hauptsache Mey. Man erlebt ihn pur und intensiv.

 

Nichts lenkt von ihm ab. Nur er und die Gitarre, davor ein schmales Mikrofon. Man wüsste auch nicht, was man auf die Bühne dazustellen könnte – es ist alles da was man braucht.

 

Und mehr als ich ohnehin schon erhoffte.

Mir fehlen die Vergleiche zu Songlisten früherer Meykonzerte. Aber er ist sicherlich “rückblickender”. Es geht verstärkt um auf- und absteigende Beziehungen, demnach mehr um generationsübergreifende Themen als über Partnerschaften. Kein Wunder, dass er das Lied “Zeugnistag” bringt (zudem eins meiner Lieblingslieder).

Es geht um die elterliche Unterstützung, die er als Schüler erfahren durfte. Und für die er seinen Eltern so dankbar war (“Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt… Eltern, die aus diesem Holze sind.”).

In “Dr. Brand” entschuldigt er sich sogar bei seinem Lateinlehrer, der es schon ohne seine Schüler schwer genug hatte. Er zeigt sich versöhnlich und möchte die letzten Ungereimtheiten offensichtlich gern beseitigen.

 

Das Publikum liegt Reinhard Mey in Saarbrücken zu Füßen

Mit dem Saarbrücker Publikum muss sich Reinhard Mey ganz sicher nicht aussöhnen. Es vergöttert ihn geradezu. Wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten.

Warum ist das so? Charakterlich ohnehin unantastbar bei all seinen (gesellschafts-)politischen Themen. Und stimmlich hängt man ihm an den besagten Lippen. Mey verliert nie den Humor, berührt wann er will. Er ist deshalb so wirkungsvoll, gerade weil er ein alter Hase ist. Ein Vollprofi, der es verstanden hat, wie er sich dem Publikum zeigt. Nämlich als Reinhard Mey.

Nach etwas über einer Stunde gibt es eine ca. 20-minütige Pause.

Es geht mit Liedern der aktuellen CD weiter. Reinhard Mey Konzert Saarbrücken

Gegen Ende des Konzerts kommt dann sein Smash-Hit: Reinhard Mey schwebt über den Wolken.

Das mit dem “Smash-Hit” meine ich gar nicht veralbernd oder herabsetzend. Immer wenn man sich auf das Lied einlässt, merkt man wie viel Qualität doch darin steckt. Welch unter die Haut gehende Melodien hier verkomponiert wurden! Und wie er es versteht die Nummer nur mit seiner Gitarre zu begleiten.

 

Nichts gegen Dieter Thomas Kuhn … aber das Original ist immer noch umwerfend. Ein übergrüner For-Evergreen.

 

Reinhard Mey sorgt für Gänsehaut

Kommen wir zu meiner Beitragsüberschrift. Es ist kurz vor 23 Uhr und Reinhard Mey schließt sein überwältigendes fast 3-stündiges(!) Konzert, in dem er dem Publikum für seine mediale Zurückhaltung dankt. Es darf sein Idol aber jetzt am Schluss, bei “Gute Nacht Freunde”, endlich ablichten. Ein Angebot, das freudig angenommen wird.

Ein letzter Kniefall seinerseits auf der Bühne, das Publikum fiel schon längst im übertragenen Sinne.

Man kommt nicht umhin, festzustellen oder wenigstens stark zu vermuten: So gigantisch man das Erlebnis mit Reinhard Mey selbst empfunden hat, so sehr man von seiner Ausstrahlung elektrisiert war – ihm selbst muss es genauso gefallen haben. Selten hat sich jemand derart “geweigert”, die Bühne zu verlassen …

 

74 Jahre Reinhard Mey, 3 Stunden Konzert, ein Leben lang schönste Erinnerungen.

 

Wie vor Jahr und Tag. Wie für Jahr und Tag.